Kennst du als Mama oder Papa dieses Leuchten oder die Zufriedenheit, wenn dein Kind nach einem Tag draußen nach Hause kommt? Die Schuhe sind schmutzig, die Hände voller Erde und die Hosentaschen voller kleiner Schätze.

Ich kann gar nicht genau erklären, was der Wald mit Kindern macht, doch sehe ich immer wieder, was er in ihnen auslöst.

Der Wald verlangt nicht, dass Kinder gleich sind. Er lädt sie ein, sie selbst zu sein.

Wenn es um Kinder mit unterschiedlichen Entwicklungsvoraussetzungen geht, weiß ich als Psychologin, wie schnell der Blick auf Diagnosen, Defizite und notwendige Fördermaßnahmen gerichtet wird. Ob ein Kind die Welt anders wahrnimmt und verarbeitet, besonders sensibel ist oder andere Entwicklungsherausforderungen mitbringt: Vieles davon braucht eine gute Begleitung. Gleichzeitig sollten wir dabei nie vergessen, auf die Stärken und wunderbaren Möglichkeiten eines Kindes zu schauen!

Genau deshalb beeindruckt mich die Wirkung des Waldes. Immer wieder erlebe ich auf unserem Tipiplatz, wie Kinder im Wald aufblühen, zur Ruhe kommen, Selbstvertrauen entwickeln oder ihre Energie sinnvoll ausleben können. Der Wald schafft ein wertvolles Fundament für eine gesunde Entwicklung – nicht nur für Kinder mit besonderen Entwicklungswegen, sondern für jedes Kind.

Hier muss niemand in eine Schublade passen: Das Kind, das vor Energie sprüht, darf rennen, klettern, balancieren und seine Kraft spüren. Das Kind, das lieber beobachtet, entdeckt in aller Ruhe einen Käfer, lauscht dem Rascheln der Blätter oder sammelt Federn. Und oft passiert etwas Wunderschönes:

Die Schüchternen werden mutiger. Die Wilden finden ihre Balance.

Aus Ästen entsteht ein Unterstand, aus einer Lacke ein Forschungslabor und aus einem umgestürzten Baum ein Piratenschiff. Dabei entwickeln Kinder Kreativität, lösen Probleme, treffen Entscheidungen und lernen, gemeinsam Ideen umzusetzen. Sie spüren raue Rinde, gatschige Erde und kühles Wasser. Sie bauen, gestalten, erforschen und erleben die Welt mit allen Sinnen und nicht nur über einen Sinneskanal wie beispielsweise durch ein Hörbuch oder von der Tafel.

Und während Erwachsene oft das Gefühl haben, Kindern ständig etwas beibringen zu müssen, zeigt der Wald etwas ganz anderes: Kinder tragen bereits alles in sich, was sie brauchen. Sie brauchen vor allem einen Ort, an dem sie sich frei entfalten dürfen.

Vielleicht ist das die größte Kraft der Natur. Sie bewertet nicht. Sie macht keinen Unterschied zwischen laut und leise, vorsichtig und mutig, verträumt oder voller Tatendrang. Sie schenkt jedem Kind genau das, was es gerade braucht – Raum und Möglichkeiten.

Raum, einfach Kind zu sein.

Martina Hagedorn
Wildnispädagoging und Psychologin